An mehreren Stellen wird angesprochen, wie der Mensch sich in Zukunft entwickeln könnte: Maschinen könnten Bewusstsein entwickeln oder wir könnten uns von unserem Körper lösen und quasi Biologie gegen Technologie tauschen.
Ich halte beides für möglich, aber problematisch. Ganz unabhängig von der wichtigen Frage, inwieweit wir noch Menschen sind, wenn wir keinen Körper mehr haben, stellen sich auch ein paar technische Fragen.
Komplexität
Unser Körper altert und verfällt. Einer der Gründe dafür scheint zu sein, daß die Evolution die Entwicklungen "belohnt", die mit minimalem Aufwand das Ergebnis erzielen, in unserem Fall erfolgreiche Fortpflanzung und Erhaltung der Menschheit.
Unser Körper ist eine komplexe Maschine. Sie auf Unsterblichkeit oder längere Haltbarkeit zu trimmen, würde Ressourcen kosten, die dann nicht mehr für die Fortpflanzung unserer Spezies zur Verfügung stünden.
Unsere aktuelle Lebenserwartung ist wohl entweder ein guter Kompromiss oder einfach nur Zufall.
Und warum meinen wir eigentlich, daß wir einen maschinenbasierten Körper besser und langlebiger konstruieren können?
Es ist ja nicht so, als würde uns mit einem Computer geholfen sein, denn der steht nur rum und kann nicht laufen! Unser Körper ist in der Lage, am Nordpol zu funktionieren und in der Sahara. Im Meer und auf dem Mount Everest. Das alles selbstredend ohne Steckdose in Reichweite! Soweit ich weiß gibt es noch keine entsprechend leistungsfähigen Automaten.
Und wenn es sie dann eines Tages geben wird, werden sie die gleichen Probleme haben wie unser Körper heute, denn Komplexität läßt sich nicht wegdiskutieren.
Instandhaltung
Ich höre den Einwand: Maschinenteile kann man doch jederzeit austauschen!
Klar kann man das. Ich tausche dann mal eben das Diskettenlaufwerk an meinem Laptop von vor 5 Jahren aus. Huh? Gibt's nicht mehr? Ah. Und wie sieht es aus mit dem Auspuff für meinen VW Golf II? Schwierig?
Ewig Ersatzteile herstellen ist teuer. Deshalb wird es nicht gemacht.
Han Solo flickt in Star Wars einfach selber an seinem Raunschiff rum, genau wie ich heute selber meine PCs repariere. Wenn aber jeder in Zukunft selber an sich herumbastelt, wird eine Reparatur immer schwieriger, weil jeder dann ein Unikat wird.
Extrapolieren wir mal von 5 oder 10 Jahren auf ein paar Millionen Jahre und das Ergebnis ist eine Spezies, deren Individuen so unterschiedlich sind, daß sie sich vielleicht gar nicht mehr als eine Spezies wahrnehmen.
Hoffentlich bedeutet das, daß jeder Mensch ganz unterschiedliche Rohstoffe benötigt, denn sonst wird es Kämpfe geben um für Instandhaltung nötige Ressourcen. Vielleicht ist das Universum groß genug für uns alle, aber vielleicht sind wir doch nicht die einzigen hier, und dann könnte es eng werden.
Wenn einzelne Individuen über Jahrtausende wachsen und dabei um ihre Ressourcen streiten müssen, dann werden die Konflikte unsere heutigen Kriege wie Spiel aussehen lassen.
Maschinenbewusstsein
Ein anderes Problem: Technologie entwickelt sich schnell, sehr schnell. Wer jemals probiert hat, Programme oder Daten von vor 20 Jahren zu benutzen, wird wissen was ich meine: Mein PC kann die Daten vom Commodore 64 schon physikalisch nicht lesen, und interpretieren kann er sie nur auf dem Umweg über einen Emulator, eine virtuelle, simulierte Maschine.
Wenn wir jemals unser Bewusstsein auf Maschinen migrieren, wird das ein grosses Problem.
Entweder schränken wir den technologischen Fortschritt ein und bleiben für immer kompatibel.
Oder wir lassen unser Bewusstsein in virtuellen Maschinen laufen.
Mir gefallen beide Lösungen nicht. Den Fortschritt einschränken kann man sicher, aber man erkauft sich die Kompatibilität mit einer zunehmenden Diskrepanz zwischen Realität und potentiell Möglichem.
Virtuelle Maschinen sind vielleicht die bessere Option. Ich tue mich trotzdem schwer damit. Erstens funktioniert auch das nur mit Einschränkung des Fortschritts, weil die virtuellen Maschinen kompatibel bleiben müssen. Zweitens stellt sich die Frage, wie wir eigentlich sicherstellen, daß die Entwicklung bei der Hardware nicht inkompatibel wird.
64 Bits
Ein (relativ plattes) Beispiel zur Illustration: Vor wenigen Jahren hatte man 32bit Computer und 32bit Betriebssysteme und war glücklich damit. Dann kamen die 64bit Prozessoren. Betriebssysteme müssen an so eine Änderung angepaßt werden und nicht anders wird es den virtuellen Maschinen ergehen.
Eine interessante Frage: Wenn mein Bewusstsein auf einer Maschine läuft, wie wirkt sich dann eine Änderung wie diese auf mich aus?
Fühle ich mich anders, weil meine Hard- oder Software sich geändert hat? Führt eine Speichererweiterung zu "Kopfschmerzen" oder einem Gefühl der Leere? Kann ich schneller denken, weil meine Prozessoreinheit ausgetauscht wurde? Was passiert dann mit meinem Gefühl für Zeit?
Energiequellen werden auch ein schönes Thema. Die meisten Menschen werden sicherlich mehr als eine Quelle nutzen, aus Sicherheitsgründen. Dadurch werden sie in der Lage sein, Energiequellen auszutauschen. Wie wird das mit unseren Instinkten harmonieren? Werden wir "Hunger" empfinden, wenn eine Quelle zur Neige geht?
Fortpflanzung oder Backups
Wie stellen wir eigentlich die Erhaltung der Art sicher, wenn wir uns virtualisieren?
Fortpflanzen im biologischen Sinne werden wir uns nicht mehr können, es sei denn wir benutzen biologische Baustoffe. Das bringt aber eine Reihe anderer Probleme mit sich.
Wenn die Menschheit es schafft, daß Individuen unsterblich werden, nimmt der Wert eines Einzelnen immens zu. Wenn heutzutage ein Mensch stirbt, hat das auf den Fortbestand der Spezies keine Auswirkungen. Wenn wir aber unsterblich sind und uns eventuell gar nicht mehr vermehren, kehrt sich das um.
Werden wir also Backups von uns machen? Oder uns "spalten" wie Einzeller, indem wir unser Bewusstsein kopieren?
Letzteres führt sicher zu interessanten Konstellationen, insbesondere wenn zwischenmenschliche Beziehungen noch den gleichen Einfluß auf unser Leben haben werden.
Man stelle sich vor, die Frau/Verlobte/Freundin beschließt, sich zu verdoppeln. Jetzt habe ich also zwei Frauen. Ok, kann man gut finden, oder man kann sich für eine entscheiden, das geht noch. Problematisch ist es aus ihrer Sicht: Beide haben immerhin die gleiche Beziehung zu mir, können also darauf pochen, meine Frau zu sein.
Auch Backups eröffnen neue Möglichkeiten: Angenommen ich tue etwas unangenehmes oder illegales. Ich könnte dann einfach das Backup von kurz vorher wieder einspielen und hätte den Akt damit nie begangen.
"Hey, willst Du mit mir gehen?" - "Niemals, Du bist doof!" sagt sie. Also gehe ich nach Hause, schreibe mir eine Notiz ("nicht Dorothea anbaggern!") und lade das Backup von gestern. Praktisch. Wird sicher langfristig unseren Charakter ändern, wenn wir wirklich absolut alles ausprobieren und die mit Rückschlägen verbundenen Frustrationen einfach danach löschen können.
Wie wir in Zukunft mit solchen Effekten umgehen werden und ob wir das können wird sicher noch eine interessante Frage, um es vorsichtig auszudrücken.
Schade daß ich das alles nicht mehr miterleben werde!
Schön und interessant in diesem Zusammenhang: http://www.heise.de/tr/Wir-wissen-grundsaetzlich-was-im-Koerper-schief-geht--/artikel/141434
AntwortenLöschen